Real Madrid: Wenn Königsmord vom Monarchen begangen wird

“Jeden Sommer den momentan besten Spieler der Welt verpflichten und einen mondänen Trainer der zum größten Klub der Welt passt”. So und nicht anders will Florentino Pérez „sein Baby“ Real Madrid an die Spitze des Weltfußballs führen, nun hat er mit Rafa Benítez seinen zehnten Trainer in 12 Jahren entlassen. Spätestens nach seinem dritten Amtsjahr, im Sommer 2003, in dem er Erfolgscoach Vicente del Bosque nahezu grundlos beurlaubte, scheint sein Konzept Jahr für Jahr zum Scheitern verurteilt zu sein. Dieser Artikel versucht aufzuklären, warum der zehnfache Champions League Sieger auch nach der Benítez-Entlassung scheinbar dazu verdammt ist auf unbestimmte Zeit eine Institution des Chaos zu bleiben.

04.01.2016 – 22.32 Uhr

Am Ende stand im Sonntagabend-Spiel des 18. Spieltages der Primera División für den spanischen Rekordmeister Real Madrid ein fast schon irrsinnig anmutendes 2:2 im Spitzenspiel beim Vorjahres-Tabellenvierten FC Valencia zu Buche. Irrsinnig vom Spielverlauf her, vor allem hinsichtlich der letzten 25 Spielminuten plus Nachspielzeit, in der Madrid sich nach einem berechtigten Platzverweis seines 29 Millionen Euro schweren Sommertransfers Mateo Kovacic und dem sehenswerten 1:2 Führungstreffers seines engagiertesten Profis an diesem Abend – Gareth Bale – in der 82. Spielminute bereits als glücklicher Sieger einer hartumkämpfenden Partie auf Augenhöhe zwischen dem Zehnten und dem Dritten der Tabelle wähnte, letztlich jedoch im direkten Gegenzug den vermeidbaren Ausgleichstreffer hinnehmen musste. Und irrsinnig auch in Bezug auf den medialen Druck der vor der Partie auf dem Trainer der Königlichen Rafa Benítez lag. Obwohl Vereinspräsident Florentino Pérez nach Madrids herber 0:4 Niederlage im Clásico gegen den Erzrivalen FC Barcelona Ende November den Chefcoach in zwei außerordentlichen Pressekonferenzen und einem exklusiven Radiointerview eine Woche vor Heiligabend mehrmals explizit als „die Lösung“ und als „nicht das Problem“ bezeichnet hatte, spekulierte die internationale Sportpresse bereits an den Weihnachtstagen über die vorzeitige Beurlaubung des Rafael Benítez Maudes, die nach dem verpassten Auftaktsieg zum Jahreswechsel nun Gewissheit ist.

Bleibt die Frage, ob das 2:2 vom Sonntag tatsächlich der entscheidende Grund für die Entlassung des 55-jährigen gebürtigen Madrilenen war, der von 1986 bis 1995 bereits langjährig im Jugendbereich der Merengues tätig war und erst vergangenen Sommer die von Präsident Pérez festgestellte „Negativspirale“ unter Vorgänger Carlo Ancelotti – mit dem 2014 immerhin die Champions League und der spanische Pokal gewonnen wurde – beenden sollte.

Sonnenkönig Florentino und seine zahlreichen Bauernopfer

Als Rafa Benítez im vergangenen Sommer als Nachfolger des bei Fans und Spielern äußerst beliebten Ancelotti im Santiago Bernabéu Stadion vorgestellt wurde, rieben sich so manche Analysten verwundert die Augen. Denn es gilt als offenes Geheimnis, dass Klubboss Florentino Pérez eher auf große, bereits im Fußballolymp angekommene Namen hinsichtlich seiner leitenden Angestellten setzt, als auf vermeintlich grau und dezent wirkende Arbeitsbienen zu denen man auch Benítez zählen mag. Schnell machten Meldungen die Runde, Florentino – Präsident, Sportdirektor und Manager in einer Person – habe dem neuen Übungsleiter ernsthaft angeraten eine strikte Diät einzuhalten, damit dessen eher rundlicher Bauch im Eiltempo verschwinde und dieser bei offiziellen Anlässen formvollendeter in Real Madrids Designeranzügen aussehe. Sollte diese bis heute unbestätigte Nachricht wahr sein, würde sie zu Pérez’ bekannten Handlungsmustern passen.

Bereits 2003 entließ der Baumagnat Reals damaligen Erfolgscoach und späteren Welt- und Europameistertrainer Spaniens Vicente del Bosque, der in dreieinhalb Jahren sieben Titel nach Madrid holte, darunter zwei Meisterschaften sowie zwei Triumphe in der Königsklasse, dem in Pérez’ Königreich jedoch auf Grund seiner natürlichen Schüchternheit und vielleicht sogar wegen seiner ebenfalls breiteren Konfektionsgröße keine Heldenrolle auf längere Zeit zukommen durfte. Den Entlassungsgrund formulierte Pérez – der spätestens seit der medienwirksamen Degradierung des ehemaligen Generaldirektors Jorge Valdano im Jahre 2011 quasi als „Präsident von Gottes Gnaden“ alle wichtigen Entscheidungen im Verein allein trifft – dann auch simpel und unmissverständlich arbiträr: „Del Bosque verkörpert eine sehr traditionalistische Agenda, wir würden jedoch gerne eine Agenda haben die auf Technik und Strategie beruht“. Genau ein Jahr später, im Mai 2004, wurde dann del Bosques Nachfolger Carlos Queiroz entlassen. Der als „Modernisierer“ angepriesene Portugiese, der privat und öffentlich gerne Dandy-hafte Polohemden trägt und den vor seiner Anstellung in Madrid allenfalls Experten als Co-Trianer von Sir Alex Ferguson in Manchester kannten, fiel seiner eigenen Strategie- und Konzeptlosigkeit zum Opfer und erreichte in einem horrenden Saisonfinale – mit einem von Pérez eher nach Merchandise-Komponenten als nach sportlicher Qualität zusammengestellten Kader – gerade so noch den vierten Tabellenplatz.

Die Schrittfehler des distanzierten Taktikers Rafa im weißen Ballet

Florentino Pérez hat in seinen zwei überlangen Amtsperioden (2000-2006 und 2009 bis heute) insgesamt zehn Trainer verschlissen. Rafa Benítez hatte es von ihnen allen mit am Schwersten den máximo líder Don Florentino – der anderen alteingesessenen Vereinsmitgliedern mit Präsidentschaftsambitionen im Jahr 2013 durch eine tendenziöse Verschärfung der Wahlstatuten jegliche Möglichkeiten ihn eines Tages vom Thron zu stoßen de facto zunichte gemacht hat zufrieden zu stellen.

Der ehemalige Erfolgscoach des FC Valencia, FC Liverpool und zuletzt des SSC Neapel sollte den Ballkünstlern in weiß keine Modernität einverleiben, sondern zu fußballerischen Grundtugenden zurückführen die unter Kumpeltyp Ancelotti scheinbar in Vergessenheit geraten waren. Er wolle, dass die Real-Defensive genau so perfekt stehe wie der Angriff, ließ Rafa bei seinem Amtsantritt im vergangenen Sommer verlauten. Taktische Disziplin, auch von den Sturmstars Ronaldo, Benzema und Bale sowie Konzentration auf alte Madrider Werte wie einen unbedingten Siegeswillen und Kampfgeist bis zur letzten Spielsekunde wollte er im Bernabéu wieder salonfähig machen. Doch im Gegensatz zum charismatischen Diplomaten Carlo Ancelotti wusste Benítez nicht richtig mit den Egos verwöhnter Stars wie Cristiano Ronaldo, James Rodríguez oder Isco Alarcón umzugehen. Ersteren stellte er aus Sicht des Portugiesen bloß, indem er nicht CR7 als vermeintlichen Chef der Offensivabteilung im Sommerurlaub zum persönlichen Kennenlernen traf, sondern Co-Star Gareth Bale in dessen Heimat Wales einen Besuch abstattete. James wurde von Benítez gegen Mitte der Hinrunde öffentlich kritisiert, indem sich dieser über die Nummer Zehn dahingehend äußerte, dass James zwar in der kolumbianischen Nationalmannschaft großen Einsatz bringe, beim Madrider Training meist jedoch nur durch „Wehwehchen“ und verletzungsbedingter Abwesenheit glänzen würde. In den Folgemonaten lächelte der WM-Torschützenkönig von 2014 dann meist nur noch von der Ersatzbank aus oder mit 200 km/h in die Sichtungskameras der spanischen Verkehrspolizei.

Von Anfang an galt die Beziehung des Kaders zum neuen Trainer als schwierig bis angespannt. Am Ende schien Benítez seiner fachsportlichen Kompetenz wohl kaum selbst noch zu trauen. So baute er zu Saisonbeginn wochenlang auf den jungen brasilianischen Neuzugang Casemiro im defensiven Mittelfeld, nur um diesen zum Clásico am 21. November wieder aus der Mannschaft zu nehmen und laut Pressemeldungen wahrscheinlich auf Druck von Florentino den Publikumsliebling und spanischen Nationalspieler Isco an dessen Stelle spielen zu lassen. Dieser überzeugte beim 0:4 Heimdebakel gegen den katalanischen Erzrivalen jedoch genauso wenig wie der Rest der Mannschaft und verschwand in den Folgespieltagen erneut auf der Reservebank. Als Reaktion auf den Stammplatzverlust in dieser Saison rauscht es im Blätterwald, dass Iscos Agent den Markt wohl bereits nach einem neuen Arbeitgeber für seinen Schützling sondiert.

Noble Grundwerte aus vergangenen Tagen vs. moderne Marketingstrategien

Summa summarum fehlte Benítez, bei allen lobenswerten Einstellungen die er vertrat und auch öffentlich proklamierte, der generelle Draht zur Mannschaft, mehr zwischenmenschliche Flexibilität und „Coolness“ sowie Vertrauen und Zeit aus der Führungsetage, die bei Real Madrid einzig und allein aus dem exzentrischen Präsidenten besteht. Wieder einmal bestätigte sich, dass Pérez nicht fähig ist, eher introvertierten Trainern sein volles Vertrauen auszusprechen. Da der Chef des Baukonzers ACS den Fußballklub Real Madrid zu allererst als wirtschaftliches Entertainment-Produkt begreift, haben bei ihm nur namhafte Übungsleiter mit Showqualitäten, wie zuletzt Carlo Ancelotti und vor allem dessen Vorgänger José Mourinho, eine realistische Chance ihr Können in der spanischen Hauptstadt länger als sechs bis zwölf Monate unter Beweis zu stellen. Bleibt Reals neuem Trainer, einem gewissen mehrmaligen Weltfußballer namens Zinédine Zidane, nur zu wünschen, dass sein Superstar-Potenzial ihm mehr Ruhe und Zeit für ein geregeltes Arbeiten bei den Königlichen garantiert. Doch auch diese Prognose erscheint als eher unwahrscheinlich. So brachte die Fußballtageszeitung Marca Real Madrids „Strategie Sport“ zuletzt höchstpräzise auf den Punkt:

Der sportliche Plan Real Madrids ist es keinen Plan zu haben und das Projekt heißt Florentino“.

Wer es gut mit den ehemals „Galaktischen“ meint, Vereinsmitglied ist und diese sehr punktuelle und schockierend realistische Aussage des einstigen Madrider „Hausblatts“ Marca als endgültige Alarmglocke deuten möchte, dem sei anzuraten im Kollektiv eine baldige „spanische Revolution“ zu Ungunsten des Sonnenkönigs Florentino Pérez einzuleiten. Ansonsten scheint diesem einst so ruhmreichen Klub bald ein institutioneller und ebenso ein daraus resultierender sportlicher Super-GAU zu drohen.

von Yamin Ben Hardouze

Copyright liegt beim Autor

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